02.02.2010

"Safari zum Urmenschen"

Nach langer Zeit mal wieder ein Beitrag:

Ich war letztes Wochenende im Senckenbergmuseum um mir deren Sonderaustellung "Safari zum Urmenschen" anzusehen. Alle Informationen, die ich so im Vorfeld gesammelt habe, haben leider dazu geführt, dass ich mit einer doch recht negativen Einstellung nach Frankfurt gefahren bin.


Doch gehen wir der Reihe nach vor: Zunächst gilt es zu sagen, dass der Eintritt für die Ausstellung mit 3 Euro für Studenten recht günstig war, auch wenn die Karte nur für die Ausstellung gilt und nicht für das gesamte Museum.


Im Grunde genommen ist die Ausstellung in zwei größere Komplexe unterteilt: Im ersten Teil geht es im großen und ganzen um die allgemeine Methodik und Prinzipien der Paläoanthropologie, während im zweiten Teil die einzelnen fossilen Hominiden und bestimmte Modelle und Theorien zur Evolution des Menschen näher vorgestellt werden.


Der erste Teil ist, meiner Meinung nach, etwas zu nüchtern gestaltet worden, in einer künstlichen Wüstenlandschaft kann man sich nähere Informationen über die Art und weise wie Grabungen in Afrika im Allgemeinen ablaufen informieren.
Direkt im Anschluss daran ist eine Art kleines Kino aufgebaut in dem eine Reihe kleiner Filmchen vorgeführt werden, deren Themen sich von Modellen zur Evolution des Menschen bis hin zu einem kleinen Filmchen über Schimpansen und deren Bedeutung für die Modellbildung in der Paläoanthropologie gesprochen wird. Diese Filme sind alles in allem nicht wirklich gut gelungen. Zwar wird darauf hingewiesen, dass alles was in der Paläoanthropologie gesagt wird, letztendlich nur mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen und Modelle sind, doch stellen die Filme die Sachverhalte die sie ansprechen in keinster Weise dementsprechend dar. Zudem befindet sich in dem Film über Schimpansen ein ziemlich übler Fehler: Dort wird nämlich gesagt, dass sich in der Evolution der großen Menschenaffen, zunächst die Linie der Menschen abgespalten und danach die Linien von Schimpanse und Gorilla getrennt hätten. In Wahrheit geht man heute davon aus, dass sich zunächst die Gorillas und dann erst Mensch und Schimpanse getrennt haben, im Grunde also genau umgekehrt. Ich habe mich wirklich gewundert, wie sich ein solcher Fehler in diese Ausstellung einschleichen konnte.


Der Rest des ersten Teils bestand hauptsächlich aus Schaubildern, welche die unterschiedlichen Methoden und Herangehensweisen in der Paläoanthropologie vorgestellt haben.


Der zweite Teil beginnt mit einer Reihe von Primatenfossilien. Als allererstes natürlich eine Nachbildung von "Ida" (das Original soll momentan auch irgendwo im Senckenberg zu sehen sein) inklusive Beschreibung. Interessant hierbei ist, dass diese Beschreibung bei weitem das zurückhaltenste ist, was ich zu diesem Fossil von Seiten des Senckenbergs gelesen habe. Danach kommt erst eine Reihe miozäner Menschenaffen und danach die rezenten Menschenaffen (Gibbons/Siamangs, Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse, Mensch).


Der Raum der danach kam, macht im Grunde gute 70% der Ausstellung aus: Hier werden eine Reihe einzelner Fossilienfunde vorgestellt, inklusive einer stets etwas lächerlich anmutenden, Gesichtsrekonstruktion. Zwar sind diese Dinge zum Visualisieren vielleicht ganz nett, doch sind Gesichtsrekonstruktionen, auch wenn es gerne anders behauptet wird, nicht "wissenschaftlich". Sie haben lediglich einen ästhetischen Wert, der bei einigen dort ausgestellten Exemplaren zudem nicht wirklich hoch war.
Trotzdem ist die visuelle Aufmachung des Raumes wirklich sehr gut gelungen, am besten gefallen hat mir der kleine Abschnitt über "Steinzeitkunst" der sehr ansprechend gestaltet war.


Inhaltlich gab es auch hier wieder ein paar Dinge auszusetzen, ich beschränke mich hier nur auf zwei Beispiele.


Beim ersten Beispiel handelt es sich um die Schautafel wo Hypothesen zur Evolution des Aufrechten Ganges vorgestellt werden. Dort stand in der Tat folgender der Satz:


"Beim durchwaten von Gewässern zur Nahrungssuche ergibt sich ab einer bestimmten Wassertiefe automatisch eine aufrechte Körperhaltung".

Dies ist die so genannte "Watender Affe" Hypothese und ist wissenschaftlich vollkommen wertlos.
Das zweite Bespiel findet sich auf dem Poster von Ardipithecus ramidus, der wohl noch auf die schnelle in die Ausstellung eingebaut wurde, da die Artikel erst im Oktober letzten Jahres erschienen.
Dort lässt sich folgende Behauptung finden:


"Ihre Hände waren schon (meine Betonung) besser geeignet für feinmotorisches greifen als Schimpansenhände."


Hier musste ich wirklich schmunzeln: In nahezu jedem Artikel über die Morphologie von Ardipithecus stand irgendwo, dass der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse sehr wahrscheinlich nicht wie ein Schimpanse aussah. Demnach können die Hände von Ardipithecus nicht schon feinmotorischer als die des Schimpansen gewesen sein, ganz einfach deshalb, weil es damals noch keine Schimpansen gab. In der Tat ist das sogar mit das wichtigste was man aus diesem Fund jetzt schon ableiten kann. Und genau diese Aussage wird in der Ausstellung vollkommen verhunzt. Sowieso fällt auf, dass ein Großteil der Fehler nicht direkt in der Darstellung der anthropologischen  sondern eher in den primatologischen Inhalten zu finden sind.


Zu meiner Abschlussbewertung: Alles in allem war die Ausstellung ganz ok, vor allem weil sie die Dinge sehr schön präsentiert. Was mich jedoch stört sind die doch massiven inhaltlichen Schwächen.
Paläoanthropologie ist ein unglaublich schwieriges und kompliziertes Feld und es ist sicher nicht leicht, es in all seiner Komplexität darzustellen. Doch bedeutet das nicht, dass ich falsche, oder veraltete Thesen präsentiere, nur weil sie sich einfacher darstellen lassen als die modernen Modelle.
Zum Beispiel wäre es schon mal ein großer Schritt gewesen, wenn man zu Beginn des "Hauptraumes" einen kleinen Abschnitt gemacht hätte, in dem exemplarisch an einem Fund dargestellt wird, wie unsicher man sich eigentlich in der Paläoanthropologie ist und das es selten nur eine oder gar wenige Erklärungen für eine bestimmte Fragestellung gibt. Das erste Fossil was in der Ausstellung vorgestellt wurde, war Sahelanthropus tchadensis, ein, wie ich hier vor geraumer Zeit gezeigt habe, perfektes Beispiel für die großen Kontroversen die es noch immer in der Paläoanthropologie gibt.


Mir ist klar, dass man nicht alles wird darstellen können und das allein schon durch den Vorgang der Vereinfachung viele Dinge leicht verfälscht werden können, aber sollte es doch zumindest das Ziel einer solchen Ausstellung sein, den Besuchern (die ja fast alles Laien sind) das tatsächliche Bild einer Wissenschaft zu vermitteln und das kommt in Frankfurt leider zu kurz.