Heute geht es um die lustige Frage, ob wir unter anderem möglicherweise deshalb auf zwei Beinen gehen, weil wir dadurch besser unseren Mitmenschen die Fresse polieren können, als wenn wir nicht aufrecht stehen würden.
Diese Frage, nur wesentlich seriöser formuliert, stellte sich zumindest David Carrier und untersuchte deshalb, wie stark die Schläge von erwachsenen Männern sind, wenn sie aufrecht stehen, und wenn sie nicht tun.
Die erste Frage die einem hier durch den Kopf geht ist natürlich, wie man überhaupt auf diese Idee kommen kann. Sieht man sich bei anderen Säugetieren um, so beobachtet man immer, wieder dass vor allem die männlichen Tiere, bei Konflikten ihre Vorderextremitäten benutzen um ihre Gegner zu schlagen, bzw. sich aufrichten um bedrohlicher zu wirken. Dieses Verhalten sieht man auch bei großen Menschenaffen und dort sogar ziemlich häufig.
In der Tat zeigte sich in der Untersuchung, dass Männer in der Lage sind wesentlich härter zuzuschlagen, wenn sie aufrecht stehen, als wenn sie es nicht tun.
Doch kann man aus diesem Ergebnis schlussfolgern, dass männliches Aggressionsverhalten oder aggressives Imponiergehabe im Allgemeinen eine Rolle bei der Evolution des aufrechten Ganges gespielt haben?
An dieser Stelle kommt ein ganzer Rattenschwanz an Problemen auf uns zu, denn auch wenn die Ergebnisse zeigen, dass man aufrecht stehend härter zuschlagen kann, so bedeutet dies im Gegenzug noch lange nicht, dass dieser Punkt auch nur irgendeine Rolle bei der Evolution des aufrechten Gangs gespielt hat.
Wie ich in meinem letzten Post gezeigt habe, brauchen wir bei derartigen Theorien aber unbedingt einen Bezug auf fossile Formen um überhaupt irgend eine Form von Testbarkeit herstellen zu können. Wir wissen nicht, wie sich die Menschenaffen im Miozän (der Zeitabschnitt der für derartige Fragen von Bedeutung ist) tatsächlich verhalten haben und ob unser Verhalten oder das rezenter Menschenaffen mit dem Verhalten dieser früheren Arten vergleichbar ist. Diese Studie führt nur rezente Arten als Vergleichsmaterial auf und macht keine Aussage über irgendeine Form von Merkmalstransformation oder ähnlichem, was man auf fossile Überlieferungen zurückführen konnte.
Ein weiteres Problem was bei dieser Art Studie auftaucht ist, dass ich Gefahr laufe, die Evolution als Stufenleiter darzustellen, indem ich uns nahe verwandte, rezente Arten als 1:1 Modell für unsere Vorfahren benutze, obwohl es genug Anzeichen gibt, dass dies nicht zwingend der Fall ist. Die Gegenwart erklärt nun mal nicht die Vergangenheit auch wenn wir es uns noch so wünschen.
Es sind Studien wie diese die mich darüber nachdenken lassen, ob ich nicht irgendetwas fundamentales nicht verstanden habe. In meinen Augen schmeißt dieser Artikel alles was ich über wissenschaftliche Theorienbildung gelernt habe über Bord und erzählt stattdessen eine, mehr oder weniger, interessante Geschichte und ich kann nicht verstehen, wie so etwas passieren und sogar publiziert werden kann
Literatur:

Carrier, D. (2011). The Advantage of Standing Up to Fight and the Evolution of Habitual Bipedalism in Hominins PLoS ONE, 6 (5) DOI: 10.1371/journal.pone.0019630
Ich habe keinen Führerschein und bin daher auf öffentliche Verkehrsmittel, für gewöhnlich ist dies der Bus, angewiesen um von A nach B zu kommen. Und auch wenn es manchmal ziemlich nervig ist, z.B. wenn man im Sommer gegen 10 Uhr zur Uni fahren möchte, so kann man doch eine ganze Reihe interessanter Verhaltensweisen beobachten. Wie zum Beispiel folgende:
In vielen Bussen sind drei Arten von Knöpfen untergebracht: „STOP“ Knöpfe um dem Busfahrer zu signalisieren an der nächsten Haltestelle anzuhalten, Knöpfe um eine Rollstuhlrampe anzufordern und, in längeren Bussen, Türöffner an der hintersten Tür. Letztere, und nur diese, öffnen, sobald der Bus anhält, auf Knopfdruck die hinterste Tür. Die vorderen Türen werden in aller Regel vom Busfahrer geöffnet und sind mit keinen Türöffnern verbunden.
Wir haben hier also zwei unterschiedliche Fälle, einmal gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Handlung „drücke Knopf“ und dem Ereignis „Tür öffnet sich“ und einmal gibt es diesen nicht. Das Problem ist hierbei jedoch, dass Fahrgäste, wenn sie auf an einer der vorderen Türen auf den nächstbesten Knopf drücken, keine Rückmeldung erhalten, das ihre Aktion nichts bewirkt, stattdessen öffnet sich, vom Busfahrer gesteuert, die Tür.
Diese Personen haben aus einer gewissen Anzahl von Erlebnissen ein allgemeines Prinzip abgeleitet: Wenn ich aus dem Bus aussteigen will, muss ich einen Knopf neben der Tür drücken. Dabei ist es vollkommen egal, ob auf diesem Knopf „Tür öffnen“, „STOP“ oder „Rampe anfordern“ steht.
Die meisten Leute werden mit Sicherheit, wenn man sie darauf anspricht, sagen, dass auf jeden Fall diese Knöpfe die Türen öffnen, schließlich funktioniert es ja jedes Mal, wenn sie aussteigen wollen. Das Problem hierbei ist, ist dass die Leute den Faktor „Busfahrer“ nicht kennen, d.h. wenn sie immer auf den Knopf drücken wenn der Bus hält, werden sie immer denken das sie es sind, die die Tür öffnen, anstatt das es der Busfahrer macht.
Die einzige Möglichkeit mit Sicherheit herauszufinden, ob das Prinzip „Knopf öffnet Tür“ tatsächlich allgemeingültig ist, ist die Falsifikation, d.h. wir müssen die Hypothese testen „alle Türen gehen von selbst auf“. Diese Hypothese lässt sich testen, indem man konsequent keinen Knopf betätigt, wenn man den Bus verlassen will und einfach beobachtet was passiert. Schnell wird man feststellen, dass diese Hypothese in bestimmten Fällen zutrifft und manchmal nicht. In jedem Fall bedeutet dies, dass die Eingangstheorie „Knopf öffnet Tür“ falsch ist, da sie nicht allgemeingültig ist. Durch die weiteren Beobachtungen kann man dann herausfinden, dass hinteren Türen in aller Regel mithilfe eines Knopfdrucks geöffnet werden, wohingegen die vorderste und mittlere Tür ohne Knopfdruck aufgehen. Dieser ganze Prozess würde also zur „speziellen Kausaltheorie der Bustüröffnung“ führen.
Mithilfe dieser Methode, würden diese Fahrgäste nicht nur aufhören wie pavlowsche Hunde auszusehen wenn sie den Bus verlassen möchten, sie hätten sogar gelernt wie man richtig Wissenschaft betreibt.
Ob man nun, wie ich als ich noch zur Schule gegangen bin, herausfinden will, wie die Türen im Bus funktionieren, oder ob ich eine wissenschaftliche Theorie aufstellen möchte:
Ich kann mir niemals sicher sein kann, ob das Kausalprinzip was ich meine in der Natur erkannt zu haben, auch tatsächlich so existiert. Es ist immer möglich, dass es eine, mir noch unbekannte, weitere Kraft gibt (in unserem Beispiel der Busfahrer), die diesen von mir beschriebenen Mechanismus eigentlich steuert. Ich kann dies nur herausfinden, wenn ich alle anderen Alternativen verworfen, d.h. ausprobiert und für falsch befunden habe.
Im Grunde genommen wird moderne Wissenschaft auf diese Art und Weise betrieben. Jemand stellt eine Hypothese auf und alle Welt versucht diese zu widerlegen. Das ist einfach, wenn ich es mit Gegenwartswissenschaften wie z.B. der Physik zu tun habe, da ich dort in aller Regel Experimente bzw. mathematische Beweise durchführen kann. Problematischer wird das ganze in der Biologie.
Die Evolutionstheorie ist eine ziemlich widerliche Theorie, wenn wir sie aus wissenschaftstheoretischer Sicht betrachten. Sie funktioniert nämlich nur in der Retrospektive. Wir können zwar die basalen Mechanismen durch Laborversuche aufzeigen und testen, doch können wir z.B. Hypothesen wie der aufrechte Gang entstanden ist, nicht direkt im Labor testen, ebenso wenig wie wir in der Lage sind Verwandtschaftsbeziehungen von Tierarten direkt testen zu können. Alles was wir tun können, ist eine Theorie aufstellen in der z.B. ein Evolutionsökologisches Szenario beschrieben wird in dem ein Bestimmter Merkmalswandel vonstatten ging. Dieses Szenario, und die damit postulierte Merkmalstransformation, ließe sich theoretisch durch Fossilfunde falsifizieren. Wir können unsere Hypothesen letztendlich also nur „quasi-experimentell“ nachweisen, was natürlich nicht sehr befriedigend ist. Was das ganze noch erschwert, ist der Punkt, dass ich in der Lage sein muss meine Hypothesen in irgendeiner Form auf Fossilfunde zu beziehen, weswegen vor allem Hypothesen was die Evolution bestimmter Verhaltensweisen angeht häufig am Rande des „story-tellings“ entlangschrammen. Denn dummerweise sagt uns ein Haufen Knochen nur ziemlich wenig darüber, wie genau sich unsere Vorfahren verhalten haben, ob sie sprechen konnten und wie stark ihre kognitiven Fähigkeiten entwickelt waren.
Das ganze lässt natürlich einen großen Raum für Spekulationen offen und immer wieder wurden Hypothesen zur Evolution des Menschen entweder ideologisch geprägt, oder von Ideologien missbraucht. Man muss stets im Kopf behalten, dass man als Anthropologe nicht nur Aussagen über die Evolution unser eigenen Art trifft, sondern gleichzeitig auch auf philosophischer Ebene beschreibt, was der Mensch ist was ihn definiert.
Aus diesem Grunde, ist es, meiner Meinung nach, extrem wichtig über die wissenschaftstheoretischen Grenzen des eigenen Faches, sowie über die Art und Weise „gute“ wissenschaftliche Theorien aufzustellen, Bescheid zu wissen.
Dieser Post ist eine Reaktion auf den Post “Ariel Cast out Caliban” von Eric Michael Johnson
Es gibt eine Menge Dinge in der Welt die mich stören: Personen im Bus die wie bescheuert auf den „STOP“ Knopf drücken um die Tür zu öffnen, Professoren die der Meinung sind zu wissen was mich interessiert obwohl ich mich zuletzt vor vier Jahren mit ihnen unterhalten habe und dumme Ideologien die sich biologischer Beispiele bedienen um ihre verqueren Weltsichten zu verbreiten. Ich würde sehr gerne über alle drei Themen schreiben, doch bleiben wir zunächst bei Thema Nr. 3.
Immer wieder in meinem Leben bin ich, in irgendeiner Form, folgendem Satz begegnet: „Wir sollten mehr wie Bonobos sein.“
Die menschliche „Natur“ wird in ihren Extremen interessanterweise von den Primaten vertreten, mit denen er am nächsten Verwandt ist: Schimpansen und Bonobos. Schimpansen werden in populären Darstellungen häufig als egomanisch, aggressiv und bisweilen übermäßig brutal dargestellt. Bonobos hingegen sind die ultimativen Pazifisten, zum einen haben die Frauen in den Gruppen das sagen und dann werden Konflikte und Stress in aller Regel durch Sexualverhalten gelöst und nicht indem man ein Männchen der Nachbargruppe /den Nebenbuhler zu klump haut oder einen armen Stummelaffen bei lebendigem Leibe in Stücke reißt.
Nach Hubert Markl (1983) werden alle Darstellungen über die Natur des Menschen in einen „ist“ Zustand, der in aller Regel böse und negativ ist und in einen „soll“ Zustand, der dem zu erreichenden Idealbild entspricht, abgebildet. In unserem Falle wäre der Schimpanse dann der „ist“ Zustand und der Bonobo wäre der „soll“ Zustand.
Diese ganze Geschichte wird neue Nahrung bekommen, wenn die Ergebnisse einer jüngsten Studie von Perelman et al. (2011) etwas bekannter werden. Dort wurde festgestellt, dass es im Genom vom Schimpansen nach der Trennung der Linien von Schimpanse und Bonobo zu mehr Veränderungen kam als beim Bonobo. Dies führt zu einem relativ geringen (und wohl nicht signifikanten- so habe ich zumindest gelesen) Unterschied im Verwandtschaftsgrad zwischen Bonobos und Schimpansen und würde den Bonobo zu unserem nächsten lebenden Verwandten machen.
Man muss sich das nur Vorstellen, unser nächster Verwandter ist der Inbegriff der Kooperation und des Altruismus! Das ultimative Abbild der tatsächlichen menschlichen Natur! Wieder einmal hat sich der Mensch ganz einfach viel zu weit von seiner wahren Natur entfernt, hat die moderne Gesellschaft ihn von seinen Wurzeln losgerissen! Wir müssen nur wieder zu unseren Wurzeln zurückkehren und alles wird gut!
Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Artikel in einer ähnlichen Form, vermutlich weniger ironisch etwas esotherischer formuliert, verwurstet wird. Vielleicht sollte ich die "verwurstung" gleich selbst übernehmen, ein halbseidenes Buch schreiben und es verkaufen um mein schmales Monatsbudget etwas aufzupolieren...
Der Punkt ist, sowohl Bonobos als auch Schimpansen sind MODELLE für unsere frühsten Vorfahren, Modelle die mehr oder weniger gut auf unsere eigene Entwicklung passen. Wir können nicht einfach Beobachtungen an einem rezenten Tier nehmen und es eins zu eins auf uns übertragen, damit es dabei hilft irgendeine bizarre Ideologie zu vertreten, genauso wie wir sie nicht dafür benutzen können um brutale Handlungen an unseren Mitmenschen zu rechtfertigen. Wir werden niemals genau herausfinden, wie sich unsere Vorfahren benommen haben und letztendlich spielt dies auch für unser Leben heutzutage eine untergeordnete Rolle. Das syrische Militär wird mit Sicherheit nicht aufhören auf Zivilisten zu schießen nur weil ihnen jemand sagt, dass unsere nächsten biologischen Verwandten einer Bande freizügiger Hippies entsprechen.
Außerdem sagen diese paar Prozent Unterschied im Genom erstmal gar nichts aus, da sie rein statistischer Natur sind. Möglicherweise liegen sie in Bereichen die für die Steuerung des Verhaltens gar keine Rolle spielen.
Fakt ist, dass wir zu beiden Extremen in der Lage sind: Übermäßige Brutalität aber auch an Selbstopferung grenzenden Altruismus. Für beide Extreme können uns Schimpansen und Bonobos helfen herauszufinden wo und wie diese Dinge biologisch verankert sind. Sie können uns also helfen uns selbst besser zu verstehen.
Ideologien und Weltbilder sind immer Menschenwerk und Menschenaffen haben uns häufig schon als Projektionsfläche für uns selbst gedient. Das gilt im Falle der Schimpansen im negativen Sinne, da sie für alles Schlechte im Menschen herhalten mussten. Das gilt aber ebenso für die Bonobos. Doch sollten uns immer im klar sein, dass sie, genauso wie wir, ihre eigene Geschichte haben und nicht einfach „halbfertige“ Menschen sind. Aus diesem Grunde können sie uns niemals als Vorbild für uns selbst dienen, oder wie Funny van Dannen es in seinem Song „Bonobo“ (aus dem ich auch die Überschrift für diesen Post habe) formuliert hat:
„Wir sollten versuchen Menschen zu werden, denn Affen sind wir ja schon.“
Literatur:
Markl, H. (1983) Wie unfrei ist der Mensch? Von der Natur in der Geschichte. In: Markl, H. (ed.). Natur und Geschichte. R. Oldenbourg, München, Wien. S. 11-40
Perelman P, Johnson WE, Roos C, Seuánez HN, Horvath JE, Moreira MA, Kessing B, Pontius J, Roelke M, Rumpler Y, Schneider MP, Silva A, O'Brien SJ, & Pecon-Slattery J (2011). A molecular phylogeny of living primates. PLoS genetics, 7 (3) PMID: 21436896
Ich bin zu faul jetzt nochmal den ganzen Kram auf deutsch zusammenzuschreiben, deshalb verlinke ich ganz einfach mal zu meinem englischen Post:
Fashionably late: The116th four-stone-hearth
Ich hoffe man verzeiht mir diese Faulheit.
Mehr richtige Posts hoffentlich noch in dieser Woche, eine Idee hab ich zumindest schonmal, jetzt muss ich den Kram nur noch schreiben...
Der 13. April 2011 ist ein besonderes Datum. Zunächst habe ich an diesem Tag Geburtstag, aber das ist alles andere als besonders. Schließlich hat jeder Mensch einen Geburtstag und diese finden zudem auch noch in regelmäßigen Abständen und immer am gleichen Datum statt. Aus dieser Sicht betrachtet, sind Geburtstage im Grunde genommen ziemlich gewöhnlich. Nein, der 13. April ist aus anderen Gründen ein besonderer Tag.
Am 13. April habe ich die Ehre die 116. Ausgabe des „Four Stone Hearth“ auszurichten. Der Four Stone Hearth ist ein englischsprachiger Blog Carnival mit anthropologischem Schwerpunkt. „Anthropologie“ ist hier deshalb auch in einer sehr weit gefassten Definition zu verstehen und beinhaltet nicht nur den biologischen Teil, mit dem ich mich hauptsächlich auseinandersetze. Die findigen Leser unter euch wissen das natürlich schon, weil sie aus lauter Neugier auch mal auf die Links geklickt haben, die bei mir in der rechten Leiste stehen. Falls dies noch nicht geschehen ist, sollte dies unbedingt nachgeholt werden, warten hinter diesen Links doch wesentlich besser geschriebene Blogs als dieser hier.
Damit meine Ausgabe möglichst spektakulär wird, bin ich auf mithilfe von außen angewiesen. Wenn irgendjemand im Internet also einen Blogpost findet, der in irgendeiner Form etwas mit Anthropologie, Archäologie, Linguistik, Kulturanthropologie oder sonstigem zu tun hat, dann schickt mir doch bitte einen Link zu dem Post an meine Emailadresse (steht in der rechten Leiste). Optimal wäre es, wenn der Post auf Englisch verfasst ist, weil das ganze Ding auf Englisch stattfinden wird, aber ich persönlich würde mich auch über deutschsprachige Einsendungen freuen.
Ich bin wirklich gespannt auf das Ergebnis, auch wenn die Organisation dieser ganzen Geschichte etwas schwierig wird, weil ich im Moment nur von der Uni aus ins Internet kann.
Ich bin gestern Abend für einen anderen Post mal wieder auf der Seite der "Gesellschaft für Anthropologie" (GfA) gewesen und dachte mir, dass diese Sache einen eigenen Post verdient.
Zunächst aber eine ganz kurze Vorgeschichte meiner Erfahrungen mit der GfA:
Ich war im September 2009 auf der Tagung der GfA und habe dort eine sehr verstörende Erfahrung gemacht, als es um die Debatte ging, ob und wie die GfA etwas zur Kreationistendebatte beitragen soll (den Verlauf der Diskussionn und meine Einschätzungen hierzu, kann man hier nachlesen).
Nun, wie ich gestern festgestellt habe, ist das Statement draußen, wie lange es schon draußen ist, weiß ich nicht, da ich die Seite nicht regelmäßig besuche. Was mich jedoch verwundert, ist dass das Statement eigentlich gar nicht von der GfA ist. Das hier einzusehende Dokument stammt nämlich von der „American Anthropological Association“ (AAA) und wurde mit freundlicher Genehmigung dieser auf der Homepage der GfA zur Verfügung gestellt. So nebenbei, dass ist die selbe AAA die im letzten Herbst den Begriff „Science“ aus ihrem Grundsatzprogramm entfernt hat ( Mehr zu diesem Thema: siehe hier bzw, hier). Das disqualifiziert natürlich nicht gleich den Text, der an sich ganz in Ordnung ist, auch wenn er für mich sehr weichgespült klingt, mich stört etwas anderes:
Mich stört die Tatsache, dass anscheinend niemand in der GfA in der Lage ist, ein vernünftiges Statement zu dieser Problematik abgeben zu können oder abgeben zu wollen. Wie kann dies sein in dem Dachverband der Wissenschaft die sich zum Ziel gesetzt hat „Die Evolution des Menschen in Raum und Zeit“ zu untersuchen?
Auch hier kann ich wieder auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen: Der Vorstand der GfA besteht zu großen Teilen aus Leuten, die keine direkte biologische Ausbildung genossen haben und deren Forschungsgegenstand sehr wenig mit evolutionsbiologischen Fragen zu tun hat. Man kann also sagen, dass im Grunde keine Kompetenz für diese Fragen vorhanden ist. 1982 hat Christian Vogel genau diese Dinge angeprangert (eine kurze Zusammenfassung des Artikels gibt es hier) und fast 30 Jahre nachdem sein Appell veröffentlicht wurde hat sich praktisch NICHTS getan, es ist sogar noch schlimmer geworden.
Die Personen, die theoretisch etwas zu diesen Dingen sagen könnten, sind auf Abstand zur GfA gegangen und ich kann vollkommen verstehen warum sie das getan haben.
Man braucht sich an dieser Stelle wirklich nicht mehr zu wundern, dass ein Fach, das als biologische Disziplin seine Kerntheorie verleugnet, zur Bedeutungslosigkeit verdammt ist.
Ein weiterer Punkt, den die GfA nicht zu beachten scheint, ist dass es signifikante Unterschiede zwischen der deutschen „Anthropologie“ und der U.S. amerikanischen „Anthropology“ gibt. Beinhaltet erstere lediglich den biologischen Teil der Anthropologie, so enthält letztere unter anderem noch die Ethnologie, die Kulturanthropologie, die Archäologie und noch eine ganze Reihe weiterer Teildisziplinen. Zudem ist das Statement der AAA auf die Situation in den USA zugeschnitten und nicht auf die Situation in Deutschland. Bis zu einem gewissen Grade vergleiche ich hier also Äpfel mit Birnen.
In einigen englischsprachigen Blogs haben in letzter Zeit einige Autoren etwas darüber geschrieben, was sie an der Anthropologie lieben. Das ist ein Thema, das eines eigenen Posts bedürfte und das ich auch ehrlich gesagt nicht komplett für mich beantworten kann. Was jedoch einen großen Teil meiner Leidenschaft für dieses Fach ausmacht, sind seine evolutionsbiologischen Aspekte und es macht mich regelrecht Wahnsinnig, wie würdelos diese Dinge von der GfA behandelt werden.
Man muss sich das mal vorstellen: Eine Wissenschaft, die sich unter anderem mit einigen der wichtigsten Fragen überhaupt auseinandersetzt („Wo kommen wir her?“. „Was ist der Mensch?“ „Was ist die ‚Natur’ des Menschen?“) schmeißt diese Fragen über Bord um stattdessen Erfüllungsgehilfe für die Archäologie zu werden, wenn diese mal wieder wissen wollen was für Knochen sie denn ausgegraben haben.*
Statt dass man Diskussionen über die Evolutionären Ursprünge des Menschen und die Implifikationen der Evolutionstheorie für aktuelle Fragestellungen führt, sieht der Alltag eines Anthropologiestudenten eher folgendermaßen aus:.
Ein Kumpel von mir, der Ethnologie im Hauptfach studiert, kann in seinen Ethnologieveranstaltungen kaum das Wort „Soziobiologie“ in den Mund nehmen.
In den Psychologieseminaren die ich besucht habe, haben die Leute irgendwann die Augen verdreht wenn ich mal wieder mit irgendeinem Affenbeispiel gekommen bin um auf die evolutionären Ursprünge bestimmter Verhaltensweisen hinzuweisen.
Einige der Leute mit denen ich studiere haben keine Ahnung von Evolutionsbiologie, zum einen weil sie es nicht interessiert (was ja vollkommen in Ordnung ist) und zum anderen, weil es bei uns möglich ist sein Studium durchzuziehen ohne sich ein einziges Mal tatsächlich in einer Lehrveranstaltung mit diesen Dingen auseinandergesetzt zu haben.
Und zu guter letzt, die Personen, die in Deutschland die Evolutionstheorie in der Öffentlichkeit darstellen, kriegen es kaum gebacken die Evolution des Menschen vernünftig darzustellen. Stattdessen kommen sie mit veraltetem Kram wie „fossile Zwischenformen“ oder „Schimpansenähnlichen Vorfahren“ und zeichnen ein komplett falsches Bild von unserer Stammesgeschichte.
Die GfA hatte mit ihrem Statement nicht nur die Chance einen eigenen Standpunkt innerhalb der Debatte zum Kreationismus darzustellen. Sie hatte auch die Gelegenheit zu zeigen, wie und warum Anthropologie heutzutage wichtig sein kann, und dass Anthropologen einen wichtigen Beitrag zu vielen modernen Fragen leisten können.
Diese Gelegenheit wurde verpasst und stattdessen hat sie ein Beispiel für die eigene Unfähigkeit präsentiert.
Die Anthropologie in Deutschland ist auf dem besten Wege zu einer deskriptiven, atheoretischen und auch abiologischen "Wissenschaft" zu werden die letztendlich ein Hort für Personen sein wird, die in ihren eigenen Wissenschaften (Medizin, Pädagogik, Psychologie etc.) keinen Platz gefunden haben und ich habe kein Interesse daran, mich von einem solchen Verband vertreten zu lassen.
Aber dies alles wird der GfA Vorstand und vermutlich auch ein großer Teil der Mitglieder (so es sie denn überhaupt interessiert) natürlich anders sehen. Auf der diesjährigen Tagung wird sich wahrscheinlich wieder ob der eigenen Wichtigkeit, die irgendwie keiner mitkriegt, um den Bauch gepinselt und gesagt, dass man ja etwas getan hätte. Dass sie stattdessen eine Bankrotterklärung abgegeben haben und die Kreationistendebatte Dogmatikern wie Herrn Kutschera überlassen, wird ihnen wahrscheinlich nicht in den Sinn kommen.
Ich habe durch meine Erfahrungen mit der GfA vor allem eines gelernt. Man darf sich nicht auf wissenschaftliche Verbände verlassen, dass eigene Fach bzw. das was einem wichtig ist zu definieren und zu verteidigen. Wenn einem, bestimmte Aspekte eines Faches wichtig sind, dann muss man selbst alles dafür tun sie zu bewahren und andere Personen davon zu überzeugen, dass es wichtig ist sich für sie einzusetzen.
* Die soll keine Geringschätzung der Archäologie oder der prähistorischen Anthropologie sein. Allerdings bin ich der Meinung das Anthropologie mehr kann, als Alters- Geschlechts und Pathologiebestimmung.
To the English Version of "GfA Fail"
Da es bei mir mit dem Posten in letzter Zeit leider etwas mau war, hier mal ein kurzer Rundumschlag über einige interessante Geschichten und Posts die ich in der letzten Woche gefunden habe:
-Stammt der Mensch von einer aufrecht gehenden Ziege ab?
Wenn man den Herren bei The Onion glauben schenken darf (was man bei Satirezeitschriften eher nicht machen sollte), dann schon. Das schöne ist, man braucht nur "Ziege" durch irgendeinen Fossilnamen zu erstzen und dieser Text entspricht exakt dem, was heutztage in der Paläoanthropologie so passiert.
-Wahrscheinlich eine der besten Zusammenfassungen über die grundsätzlichen Prinzipien der Evolutionstheorie: Evolution: what it is and why humans aren't immune to it -unbedingt lesen!
-John Hawks über einen Artikel von Bernhard Wood und Terry Harrison, den ich diese Woche wahrscheinlich auch nochmal bearbeite: The homoplastic Apes.
-Und damit hier nicht alles in Englisch ist: Nils hat mir mit seinem Post über "Lucys Fuss" ein kleines bisschen Arbeit erspart.
-Eine etwas kritischere Perspektive auf diesen Artikel gibt es bei Anthropology.net (wieder auf englisch): The arched metatarsal of Australopithecus afarensis. Dort lernen wir auch, das "Lucys Fuss" garnicht zu "Lucy" gehört, sondern zu einem ganz anderen Individuum.
Und zu guter letzt, wer recht viel Zeit hat und sich für das Neandertaler Genom und seine Bedeutung für die Dabatte um "Out of Africa" vs. "Multiregionalem" Modell interessiert, kann sich noch dieses Video ansehen:
Soviel für den Moment von mir, ich hoffe mal das ich es schaffe diese Woche noch etwas mit tatsächlichem Inhalt zu verfassen.