05.10.2009

Ardipithecus und Schimpansen

Angestachelt duch diesen Artikel habe ich mich heute mal etwas näher mit dem Artikel Owen Lovejoys über Konsequenzen des Ardipithecus Fundes für Fragen zum Ursprung des Menschen im Allgemeinen auseinandergesetzt (auf den verlinkten Artikel werde ich nochmal gesondert eingehen).
Owen Lovejoy entwickelte in den 80er Jahren das "Paarbindugs-Modell", das die Bipedie nicht aufgrund spezifischer Nahrungstrategien durch ein veränderteres Paarungsverhalten erklären sollte. Demnach wandelte dich die Lebensweise der frühen Homininen von einer eher promisken zu einer monogamen.
Dieses Modell war schon damals umstritten, da die Monogam lebenden Gibbons keinerlei Sexualdimorphismen zeigen, wohingegen (die angeblich Monogam lebenden) Homininen durchaus sexual dimorph (das heißt, Männchen und Weibchen unterscheiden sich in ihrem Aussehen stark voneinander) waren.
Lovejoy hebt in seinem Artikel unter anderem erneut dieses Modell aus Versenkung.

Kernpunkt seiner Argumentation ist, dass Ardipithecus zeigt das der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse nicht wie ein Schimpanse oder ein anderer rezenter Menschenaffe aussah, sondern in seiner Gestalt wesentlich ursprünglicher war. Daraus folgert er, dass nur auf dem Vergleich zu großen Menschenaffen fußende Modelle zum Usrprung des Menschen nicht sonderlich tauglich sind um den tatsächlichen Verlauf Evolution des Menschen hinreichend erklären zu können.
Vor allem aufgrund der Eckzähne (die bei Ardipithecus wesentlich kleiner sind als bei Schimpansen und Gorillas) schließt er, dass die Männchen, anders als Schimpansen nicht aggresiv um die Weibchen gekämpft haben, Nahrungsteilung und Koorperation eine wesentliche größere Rolle bei der Partnerwahl eine Rolle spielten. Erneut begründet er die Enstehung des aufrechten Ganges mithilfe dieser veränderten Fortpflanzungstrategie.

Soviel zu seiner Behauptung: Die Frage ist jetzt, wie gut ist sie gestützt?
Interessant finde ich, dass er, wenn es in sein Argumentationsschema passt, darauf aufmerksam macht, dass die afrikanischen Menschenaffen viele ihrer (anscheinend) gemeinsamen Merkmale unabhängig voneinander erworben und das der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse einen eher ursprünglichen Bauplan hatte. Jedoch geht er, wenn es um die Reproduktionstrategie geht, davon aus, dass die Strategie der afrikanischen Menschenaffen (die Männchen prügeln sich um die Weibchen), die ursprüngliche Form ist.
Ich stelle mir an dieser Stelle nur die Frage, wieso sollte dieses Merkmal nicht auch mehrmals unabhängig voneinander entstanden sein?
Interessanterweise geben Bonobos (die er gepflegt ignoriert) gute Anzeichen dafür, dass die von ihm postulierte "speziell menschliche" Reproduktionsweise, auch bei uns nahe verwandten Arten auftauchen. Bonobos haben einen verdeckten Östrus und auch ihr Sexualdimophismus ist bei weitem nicht so groß wie beim Schimpansen. Es könnte also durchaus der Fall sein, dass die "speziell menschliche" Strategie eher einen ursrünglichen Merkmalszustand anzeigt.
Zudem besitzen fossile Menschenaffen und jüngere Hominidenformen (Orrorin tugenensis, Sahelanthropus tchadensis), auch verkleinerte Eckzähne, was Lovejoys interpretationen von einer Korrelation von Bipedie und Reproduktionsform äußerst unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Ich stimme mit Lovejoy überein, wenn es darum geht zu sagen, dass der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse kein Schimpanse war. Doch teile ich nicht seine Schlussfolgerungen die er aus dieser Tatsache zieht.

Literatur 
Lovejoy, O. (2009). Reeaxamining Human origins in the Light auf Ardipithecus ramidus
Henke W., Rothe H. (1994). Paläoanthropologie. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New-York.